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Der Glockenturm von Brunissard

 


 


Der Glockenturm von Brunissard auch Turm des Staatsanwalts genannt


Glockenturm in Brunissard (Arvieux, Queyras)


Wenn man durch die Strassen von Brunissard flaniert, ist man überrascht über diesen merkwürdigen Bau aus Lärchenbaustämmen neben der evangelischen Kirche, den die Leute Glockenturm oder den Turm des Staatsanwalts nennen.   


Doch wer war der Staatsanwalt und wozu diente dieser Turm?


1882 schrieb Herr Blanc (Weiss), Lehrer in Brunissard:


"Die Staatsanwälte des Dorfes, vier an der Zahl, wurden lange Zeit mit entsprechender Vollmacht vom Grenobler Gericht ernannt, diese Bezeichnungen, mit vielen anderen habe ich in der Kasse gesehen* . Das erklärt sicherlich auch, woher der Name ‘Staatsanwalt’ stammt. Sie genossen weitreichende Rechte, wie beispielsweise als strenge Polizei, indem sie bei der kleinsten Überschreitung, die für die Gemeinde nachteilig war, zu bestrafen. Ebenso andeten sie mit einem Strafzettel diejenigen, die sich erlaubten in den wichtigsten Wäldern wie dem Sapeit, Clot Long, die den Umfang des Schwarzwaldes hatten und als heilige Wälder eingestuft wurden, Holzvorräte zu holen. Man schuldete eine bestimmte Geldstrafe, wurde diese nicht sofort bezahlt, erlaubten sich die Staatsanwälte, einen Topf, einen Wasserkocher usw. als Pfand für die Bezahlung der Geldbusse zu nehmen. Später wurden solche Privilegien begrenzt auf die Fälle, in denen es sich um schwere Freiheitseinschränkungen handelte. Wovon ich berichte ist nicht älter als ein Jahrhundert.


Nach einigen Missbräuchen dieser Rechte, wandte man sich von dieser Tradition ab und reduzierte sie auf 2 Staatsanwälte, die sich gewöhnlich am Tag des Wasseraustauschs des Kanals von Pinua ablösten."


* Die Kasse, die hier zur Sprache kommt, enthielt alle Archive der Gemeinde. Sie brannte während des verheerenden Brand im August 1882 mit dem ganzen Dorf nieder. 


Mit der Zeit veränderte sich die Belastung: anstelle von vier verringerte sich die Anzahl der Staatsanwälte auf zwei und zwar lange vor 1882. Das längerfristige Mandat (« sie waren für lange Zeit ernannt worden ») wurde auf ein Jahr reduziert. Später wurden die Staatsanwälte des Grenobler Gerichts die Staatsanwälte des Dorfes (diejenige, denen die Prokura gegeben wurde). Jede Familie des Dorfes stellte im Wechsel einen Staatsanwalt. Ihre Aufgabe bestand darin, für die Gemeinschaft die für das Dorfleben notwendigen Beschlüsse zu übernehmen : Austausch von Wasser, Aufbruch der Kühe auf die Alpenweide, der Brotbacktag, schwierige Arbeiten wie die Instanzsetzung von Strassen, Kanälen usw….


Um das Dorf zu einer Versammlung einzuberufen, oder Alarm zu geben im Falle eines Brandes, läutete einer der Staatsanwälte die Glocke dieses Glockenturms, der aus Lärchen-Holzstämmen gebaut wurde, weshalb er auch der Turm des Staatsanwalts genannt wird. Jede Familie schickte einen Familienvertreter, der Teil an den beschlossenen Entscheidungen hatte.


Diese Tradition verblasste mit der gesellschaftlichen und technischen Entwicklung. Sie ist jedoch nicht vergessen und kann jederzeit widerbelebt werden. Doch werden heute keine Kanäle mehr gereinigt, deren man sich nicht mehr bedient, auch wenn man heute nicht mehr wie in der Vergangenheit eine entsprechende Menge Brot für den ganzen Winter backt, bleibt weiterhin die mühevolle Arbeit, die Zugangswege zum Hochweide des Clapeyto zu gewährleisten.


Jede Familie bestimmt als Besitzer eines solchen Landhauses jedes Jahr ein Mitglied, das einen Tag Arbeit investiert für die durch Schnee, Eis oder Wasserläufe verursachten Schäden.


Der Turm des Staatsanwalts wurde das letzte Mal 1998 renoviert. Traditionsgemäss stellte sich der Dachdecker in seiner vollen Grösse auf, um seine solide Arbeit und seinen ausgezeichneten Gleichgewichtssinn zu demonstrieren.

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